Deutsche Provinz der Jesuiten

In den Schuhen des Pilgers - Das Pilgerexperiment der Jesuitennovizen

Die erste Etappe des "Camino Ignaciano" im Norden Spaniens führt vom baskischen Azpeitia nach Zumarraga. © SJ-Bilder (2): Christian Ender

Jeder Jesuitennovize absolviert vor Ablegung der ersten Gelübde fünf sogenannte Experimente. Zu diesen gehört auch eine Wallfahrt ganz ohne Geld, nur im Vertrauen auf die Gastfreundschaft der Menschen und die Vorsehung Gottes. Das Armuts- oder Pilgerexperiment geht zurück auf Erfahrungen des Ordensgründers selbst.

Der Hl. Ignatius als Pilger.

Ignatius von Loyola war im Winter 1522 aufgebrochen, um nach Jerusalem zu pilgern. Sein Weg führte ihn zunächst auf den Montserrat und dann nach Manresa, wo er bettelarm knapp elf Monate blieb. Diese Zeit war eine Reise in sein Inneres - eine Zeit, in der er nicht nur Frieden und Freude erfuhr, sondern auch Ängste durchlitt, Anfechtungen und Skrupel erlebte und Selbstmordgedanken hegte. Dennoch fühlte er sich in allem von Gott geführt. Gott war es, der ihn innerlich zum Pilger formte. Mit dem Entschluss, von Barcelona über Venedig zu einer Wallfahrt ins Heilige Land aufzubrechen, begann seine lange und wechselvolle irdische Pilgerschaft, die letztlich in Rom endete, wo er mit Gefährten, die er um sich geschart hatte, den Jesuitenorden gründete. Seine Erfahrungen, oder besser Er-gehungen, legt er nieder in einem Büchlein, das wir heute als "Bericht des Pilgers" kennen. Als Pilger ging er, wohin ihn seine Füße trugen. Und "obwohl er seine Pilgerschaft und deren Mühen mit großer Geduld und Stärke ertrug," hatte er doch ein sehr inniges Verlangen, "im himmlischen Vaterland seinen Schöpfer und Herrn zu sehen und zu verherrlichen" (Juan de Polanco 1556). Als Pilger gelangte er, wohin sein Herz ihn zog.

Allein und ohne Geld

Messfeier unterwegs auf der Pilgerschaft.

Seit Generationen folgen junge Männer dem heiligen Ignatius. Sie lassen sich ein auf einen Weg und bringen die Bereitschaft mit, sich senden zu lassen. Sehr konkret fassbar wird diese Sendung für den Novizen in einem etwa vierwöchigen Pilgerexperiment. Nahrung und Unterkunft soll er "um der Liebe Gottes unseres Herrn willen an den Türen" erbitten. All seine Hoffnung soll er nicht auf Geld setzen, sondern "mit wahrem Glauben und inständiger Liebe vollständig auf seinen Schöpfer und Herrn" (Satzungen 67).

Es mag vielleicht gewagt sein, meine Eindrücke, die ich während meines Pilgerexperimentes im Hitzesommer 2003 in einem Tagebuch niederschrieb, als Pilgerbericht zu bezeichnen. Jedoch sehe ich mich ganz in der Tradition der ersten Gefährten: Aus der Ferne erstatteten sie dem Generaloberen jederzeit Bericht bezüglich ihrer Sendung, schrieben über Gelingen und Misslingen ihrer Mission und erzählten von den Erlebnissen und Begegnungen aus der Fremde. Das alles taten sie, um im Geiste miteinander verbunden zu bleiben, um so die Gemeinschaft zu stärken und sich gegenseitig zu ermutigen, immer neue Wege zu beschreiten - zur größeren Ehre Gottes und zum Dienst an den Menschen. Das Büchlein, das daraus entstand, erschien unter dem Titel "In den Schuhen des Pilgers". Dort findet sich so manche Anekdote - etwa dass mir einmal drei rohe Eier geschenkt wurden und ich bei prallem Sonnenschein inständig Gedanken darüber anstellte, wie ich mir diese am besten würde zubereiten können, ohne zu erkranken; oder dass mir ein Bauer die Bitte um ein Glas Wasser quasi in Wein wandelte; oder dass es selbst in Klöstern gar nicht so leicht war, Herberge zu finden... Demgegenüber stehen verschiedene Reflexionen über die ersten Schritte, das Mitgehen, über meinen Weg und über das Ankommen. All das kann nachlesen, wer möchte.

P. Philipp Görtz SJ während seines Noviziats.

Für mich war das Pilgerexperiment nach den großen Exerzitien die prägende Erfahrung des Noviziats. Im Vorfeld meines Unternehmens, arm, allein und ohne Geld von Florenz nach Rom zu pilgern, fiel es mir schwer, zu erklären, worin der Sinn dieses Pilgerexperiments besteht. Unterschiedlichen Vorbehalten stand ich gegenüber: Du bist doch gar nicht wirklich arm. Als Jesuit bekommst du doch immer was. Nach vier Wochen ist das ja alles vorbei. Was willst du dir damit beweisen? Nachdem ich diesen Weg schließlich gegangen war, konnte ich anders Rede und Antwort stehen. Drei Dinge sind mir dabei wichtig geworden:

Wie ein roter Faden

Ich habe erstens gelernt, dass ich diesen Weg nicht allein für mich gegangen bin, sondern auch stellvertretend für all die Menschen, die mich sandten, denen ich begegnete, die mir ihre Gaben schenkten und ihre Gastfreundschaft anboten und mit denen ich im Gebet verbunden war. Als Pilger suchte ich nicht meinen Vorteil und ich suchte auch nicht danach, die Leute auszunutzen, sondern ich ließ mich ein auf den Kreislauf von Geben und Empfangen.

Ich habe zweitens erfahren, dass mir auf diesem Weg eine ungeheure Freiheit und ein grenzenloses Vertrauen geschenkt wurden, die mir Mut machten für alle zukünftigen Wege. Unter den Augen und dem Segen Gottes will ich mein Leben als Pilger beschreiten, mich senden lassen und an die Grenzen gehen.

Und ich habe drittens erkannt, dass ich nicht allein auf diesem Weg voranschreiten kann, sondern dass ich Gefährten brauche, die dieselbe Sehnsucht in sich tragen, die denselben Einsatz wagen, die bereit sind, denselben Dienst zu tun.

Noch heute bin ich gerne pilgernd unterwegs, allein oder in kleinen Gruppen. Immer wieder mache ich dabei von Neuem diese Erfahrungen von Vertrauen, Freiheit und Gefährtenschaft - sie ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben als Jesuit. Und nach wie vor imponiert mir ein Satz des zweiten großen Pilgers des Ordens, Franz Xaver, der sich sprichwörtlich bis zu den Enden der Erde aufmachte: Wollen wir unseren Beruf in diesem Leben recht erfüllen, müssen wir Pilger sein, bereit allzeit dorthin aufzubrechen, wo wir Gott, unserem Herrn, den größeren Dienst darbringen können.

P. Philipp Görtz SJ

Pilger auf mehreren Jakobswegen, im Heiligen Land, auf dem Athos und auf verschiedenen ignatianischen Wegen. Seit 2017 ist er Pfarrer am Kleinen Michel in Hamburg.

Dieser Artikel ist erschienen in der aktuellen Ausgabe von "Jesuiten" - Mitteilungen der österreichischen Jesuiten 2/2016.

letzte Aktualisierung am 06.08.2017