Jesuitica e.V.

Barbara Potthast

Rezension zu
Fechner, Fabian: Entscheidungsprozesse vor Ort. Die Provinzkongregationen der Jesuiten in Paraguay (1608-1762). Regensburg 2015, Schnell & Steiner, 356 S., € 49,95, ISBN: 978-3-7954-3020-7
in: H-Soz-Kult, 11.08.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26834>.

Julius Oswald SJ

Rezension zu
Tobias Appl, Die Kirchenpolitik Herzog Wilhelms V. von Bayern. Der Ausbau der bayerischen Hauptstädte zu geistlichen Zentren (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 162) München, Beck, 2011, geb. S. LXXIII + 415, € 46, ISBN 978-3-406-10777-1.

Als Landesherr wusste sich Herzog Wilhelm V. verantwortlich für das Seelenheil seiner Untertanen und hatte klare Vorstellungen, wie die Kirche und das religiöse Leben in Bayern auszusehen haben. Obwohl die Bevölkerung treu zum katholischen Glauben stand und sein Vater Albrecht V. "das Herzogtum an die Spitze der Gegenreformation im Reich gestellt hatte" (S. 18), "gab es zuwenig gut ausgebildete und vorbildliche Geistliche" (S. 378), um dessen Politik flächendeckend fortsetzen zu können. Deshalb beschloss Wilhelm V., dessen Leben und Werk in der Einleitung der Dissertation vorgestellt werden, München, Ingolstadt, Altötting, Straubing und Landshut zu geistlichen Zentren auszubauen. Nach diesem "Kernstück seiner Kirchenpolitik" (S. 31) gliedert sich die fundierte Arbeit, die am Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte der Universität Regensburg bei Professor Dr. Peter Schmid entstanden ist.

In der Kirchenpolitik des Herzogs verbindet sich dessen persönliche Frömmigkeit mit fürstlicher Repräsentation und öffentlichem Bekenntnis zum katholischen Glauben. Sehr deutlich zeigte sich dies bei der Münchener Fronleichsnamsprozession, auf deren prachtvolle Gestaltung er besonderen Wert legte; der Herzog sorgte dafür, dass sich die ganze Stadt und die dort weilenden ausländischen Würdenträger daran beteiligten. Die Residenz München sollte als "Roma secunda und potentielle Kaiserstadt" (S. 34) Richtschnur und Vorbild für das religiöse Leben des ganzen Landes sein. Dabei ging Wilhelm V. selbst mit gutem Beispiel voran und machte "seinen Hof zu einem kirchlichen Reformzentrum, indem er neue oder wiederbelebte Formen der religiösen Spiritualität betonte und in der Hofkirche besonderen Wert auf römische Liturgie und Kirchenmusik legte" (S. 47), um seine Treue zum Papst zu zeigen. Die Frauenkirche baute er zu einem "geistlichen und dynastischen Zentrum für Stadt und Land" (S. 58) aus. Dazu ließ er die Reliquien des heiligen Benno von Meißen dorthin überführen, gründete die "Erzbruderschaft Unserer Lieben Frau von Altötting in München" (S. 68) und plante, sie zur "Kathedrale eines Münchener Hof- und Landesbistums" (S. 71) zu machen. Den Jesuiten eröffnete er durch den Bau der Kirche Sankt Michael sowie eines Kollegs mit Gymnasium ein weites Betätigungsfeld und förderte ihre Arbeit durch die Errichtung der "Domus Gregoriana" (S. 140) und des "Konviktes ad S. Michaelem" (S. 143). Ebenso unterstützte er die von ihnen gegründete Marianische Kongregation (S. 145) und ihr seelsorgerliches Wirken in Stadt und Land (S. 151). Damit drückte der Herzog nicht nur dem Orden seine Wertschätzung aus, sondern realisierte auch seine Vorstellung eines frühabsolutistischen Staatskirchentums. "St. Michael sollte die Einheit von Kirche und Staat, von Wissenschaft und Religion symbolisieren und war gedacht als Staatskirchenbau und hofnahe Herrschaftskirche." (S. 158) An ihrem Gymnasium "sollten die Jesuiten dafür sorgen, dass die künftige geistliche und weltliche Elite Bayerns nicht nur sehr gut, sondern auch konfessionell eindeutig katholisch ausgebildet werden." (S. 159) Bei seinem Bemühen, den Katholizismus in der Landeshauptstadt zu beleben, setzte der Herzog jedoch nicht nur auf die Gesellschaft Jesu, sondern betraute damit auch andere Orden (S. 162).

Das Bestreben, "Ingolstadt zum katholischen Bildungszentrum Bayerns" (S. 174) zu machen, bildet den zweiten Schwerpunkt seiner Kirchenpolitik. Dazu dienten die tiefgreifenden Reformen der Universität und die Übergabe der Artistenfakultät an die Jesuiten, die damit "das gesamte höhere Bildungswesen in Bayern bis zum philosophischen Magister in ihrer Hand hatten" (S. 206). Wie sehr sie der Herzog schätzte, zeigen die fundierten Ausführungen über die Niederlassungen und das Wirken des Ordens in der Universitätsstadt und deren Umgebung. Da er die gesamte akademische Bildung dort konzentrieren wollte, ließ Wilhelm V. "weitere Kollegien und Seminare" (231) für Studenten und Ordensleute in der Stadt errichten. Ingolstadt wurde "zu einem katholischen Bildungszentrum von europäischem Rang" (S. 267), an dem seine eigenen Söhne und hohe Adelige aus dem Ausland studierten.

Die Absicht, Altötting zum bayerischen Staatsheiligtum zu erheben (S. 272), war der dritte Schwerpunkt der herzoglichen Kirchenpolitik. Wie in München und Ingolstadt konnte er die Jesuiten dafür gewinnen und die Wallfahrt dadurch neu beleben. Als sie sich weigerten, diese Aufgabe zu übernehmen, zeigte sich, "dass Wilhelm V. nicht die in der Literatur immer wieder beschriebene Marionette des Ordens war" (S. 292), sondern als der Fordernde und Bestimmende aufgetreten ist.

Durch die Verlegung des Kollegiatstifts St. Tiburtius von Pfaffmünster nach Straubing und die Neuordnung der dortigen Pfarrverhältnisse schuf Wilhelm V. ein "geistliches Zentrum im Norden des Herzogtums" (S. 295). Nach Überwindung heftiger Widerstände gelang es ihm schließlich durch "die Translation des Kollegiatstifts St. Kastulus von Moosburg nach Landshut" (S. 331) auch in Niederbayern ein "bischofsstadtähnliches Zentrum" (S. 323) zu errichten. Dass seine Kirchenpolitik über die Landesgrenzen Bayerns hinaus reichte, zeigt die Einflussnahme des Herzogs bei der Gründung der Jesuitenkollegien in den Reichsstädten Augsburg und Regensburg.

Die hier erwähnten Schwerpunkte der Kirchenpolitik Wilhelms V. werden in der lesenswerten Arbeit ausführlich behandelt und mit zahlreichen Quellen- und Literaturangaben belegt. Eine Bereicherung sind die Zusammenfassungen der Untersuchungsergebnisse am Ende der einzelnen Kapitel und am Schluss des Buches, ebenso das Orts- und Personenregister und das umfangreiche Quellen- und Literasturverzeichnis. Das gelungene Werk ist allen zu empfehlen, die sich für die Geschichte der Jesuiten in Bayern interessieren. 

Dr. Julius Oswald SJ, 1. Vorsitzender des Vereins Jesuitica e. V., München

Diese Rezension wurde auch im Archivum Romanum Societatis Iesu 84 (2015), S. 483-486 veröffentlicht.

Klaus Unterburger

Rezension zu
Klaus Schatz SJ, Geschichte der Jesuiten

Zum 200. Jubiläum der Wiedererrichtung des Jesuitenordens 1814 legt der emeritierte Frankfurter Kirchenhistoriker und Jesuit Klaus Schatz eine monumentale Geschichte der deutschen (und schweizer, nicht der österreichischen) Jesuiten in fünf Bänden vor, ein aus aszetischem Fleiß, Vertrautheit mit der Materie und ausgewogenem Urteil hervorgegangenes, handbuchartiges Standardwerk. Er führt so gleichsam die Geschichte der Jesuiten des Paters Bernhard Duhr SJ (1852-1930)[1] über die alte Gesellschaft Jesu (bis zur Aufhebung 1773) fort. In sieben zeitlichen Abschnitten wird zunächst die Entwicklung des Gesamtordens, dann der Ordensprovinz(en) skizziert, dann folgt ein knapper Überblick über die Geschichte der einzelnen Häuser, um schließlich die einzelnen Tätigkeitsfelder (Ausbildung, Volksmissionen, Missionen, Wissenschaft und schriftstellerische Tätigkeit und anderes) und wichtige Kontroversen oder Problemfelder des betreffenden Abschnitts zu behandeln. Der Jesuitenorden pflegte stets detaillierte und umfassende Berichterstattung an die Ordensleitung und war durch reflektierte Organisation und strategische Planungen geprägt; so ist auch für das 19. und 20. Jahrhundert eine dichte ordensinterne Quellenüberlieferung vorhanden, die sich vor allem im Römischen Generalatsarchiv und im Münchener Provinzarchiv findet, welche der Verfasser systematisch heranzieht und auswertet. Sein Schwerpunkt liege auf der "inner-jesuitischen Kommunikation"; andere Archive werden bei wichtigen Ereignissen und Konfliktfeldern ebenfalls herangezogen, natürlich auch die Literatur, wobei der Blick von den bereits gut erforschten "großen Namen" weg auf eine Perspektive hin gelenkt werden soll, die die apostolische Tätigkeit der Provinz(en) in der Breite in den Blick nimmt.

Bevor 1814 der Orden wiederrichtet wurde, gab es bereits Gruppierungen von Ex-Jesuiten und Neugründungen im Untergrund, vor allem seit 1797 die "Paccanaristen" in Rom; die Keimzelle der späteren Provinz war bis zum Sonderbundkrieg das Wallis. Gefördert von konservativ-antirevolutionären Kreisen konnte der Orden in der katholischen Schweiz, ab 1849 auch wieder im Bereich des Deutschen Bundes wirken. Schulunterricht, Ausbildung des Ordensnachwuchses und Volksmissionen waren die wesentlichen Betätigungsfelder, bald auch verschiedene von der deutschen Provinz getragene Missionen, etwa in den USA und in Brasilien. Finanziell war man mit dem konservativen katholischen Adel eng verflochten. In der zweiten Jahrhunderthälfte kämpfte man immer entschiedener (so die "Stimmen aus Maria Laach") für eine Erneuerung der mittelalterlichen Scholastik und für eine extensive Auslegung von Syllabus und Papstdogmen des I. Vatikanums. Die Kulturkampfgesetzgebung führte zum Jesuitenverbot (1872-1917) im Deutschen Reich und damit zu einer Verlagerung der Ausbildungsstätten in die Niederlande und andere Staaten, auch wenn man dann faktisch ab dem Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker doch wieder in Deutschland wirkte.

Die Zeit um die Jahrhundertwende führte auch im Orden zu antimodernistischen Säuberungen, denen etwa der Exeget Franz von Hummelauer zum Opfer fiel. Immerhin vermied der Orden zu dieser Zeit eine Instrumentalisierung durch einen extremen Integralismus, der dann nach dem Tod Papst Pius' X. viel an Einfluss verlor. Seit den 1920er-Jahren brachen gerade um die Münchener "Stimmen der Zeit" Neuansätze auf, die innerhalb der Gesellschaft Jesu zwar vielfach angegriffen, aber doch nicht eliminiert wurden. Die konservative Ordensleitung wollte als Gegengewicht gegen falsche Autonomie und Subjektivismus und modernistisch-theologische Strömungen mit der Jesuitenhochschule Frankfurt/St. Georgen ein Gegengewicht gründen, wo nicht nur der Nachwuchs der niederdeutschen Provinz, sondern auch Diözesanpriester ausgebildet werden sollten. Differenziert gibt Schatz einen Überblick über die Haltung des Ordens im Dritten Reich zwischen Widerstand und Anpassung; Kooperationsversuche dürften schon durch den ideologischen Antijesuitismus der Nazis nahezu unmöglich gemacht worden sein. Die 1950er-Jahren kündigten Spannungen um eine Neuausrichtung an, die sich nach dem Konzil voll entluden; ein bislang ungekannter Umbruch vollzog sich, in dem sich der Orden erst langsam wieder geschrumpft konsolidieren konnte.

Pünktlich zum Jubiläum hat Schatz eine ebenso umfassende wie konzise Gesamtgeschichte der deutschen Jesuiten vorgelegt, die organisatorische und institutionelle Aspekte ebenso umgreift, wie die Entwicklung von Spiritualität, Mentalitäten und Gebräuchen. Deutlich wird, wie umfassend die jeweiligen Oberen über den Einsatz der einzelnen Jesuiten informiert waren, wie sehr diese so stets ein Moment innerhalb einer umfassenderen, strategisch-pastoralen Planung gewesen sind. Die Schilderung einzelner Charaktere, Problemkreise und Konflikte erfolgt aus intimer Kennerschaft und mit klarem Urteilsvermögen; immerhin wird auch der Versuch unternommen in zwei "heiklen Exkursen" die Themen "Ordensentlassungen" und "sexueller Missbrauch" zu behandeln. Schatz' Sicht auf seinen Orden sieht diesen im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurecht als betont konservativ; dennoch sei die Spiritualität gerade wegen der Prägung durch Ordensgeneral Johann Philipp Roothaan (1785-1853, General ab 1829) aszetisch-nüchtern, nicht mystisch-schwärmerisch gewesen. Nicht erst das Bekanntwerden der Rolle von Joseph Kleutgen SJ bei den pseudomystischen Vorgängen im Kloster San Ambrogio in Rom, auch vorher Verfehlungen Niccolò Paccanris (1786-1811), schließlich später die vielen Kleinschriften von Jesuiten, die Partei ergriffen haben für Privatoffenbarungen und paranormale Ereignisse, lassen die Frage aufkommen, ob dies in dieser Generalität gilt. Der Zuschnitt auf die reiche ordensinterne Überlieferung hat als Kehrseite, dass anderes nicht ebenso breit zur Darstellung kommt, etwa die Fülle der Denunziationen, die Jesuiten gegen freiere Kirchenmänner und fortschrittlichere Theologen über Jahrzehnte hinweg verfasst haben, den schädigenden Einfluss, den sie vielfach auf die deutsche katholische Universitätstheologie ausgeübt haben, welcher es dieser schwer machte, wissenschaftlich zur protestantischen Theologie aufzuschließen, schließlich die Konsequenzen, die eine Pädagogik der konsequenten frühen Überwachung und Disziplinierung in den Biographien tausender Schüler hatte.

Zu den interessantesten Kapiteln gehört sicherlich der Umbruch seit den 1950er-Jahren, als kritische Geister die eigenen Traditionen und Gebräuche kritisch und umfassend hinterfragten, was zu starken ordensinternen Spannungen und einer gewaltigen Zahl an Austritten führte. Die Konflikte gruppierten sich um das Gegensatzpaar Gehorsam/vernünftige Selbstbestimmung. Waren es nur Modernisierungskrisen, in denen es der Ordensleitung allmählich gelang, ein neues Gleichgewicht zwischen Tradition und Akkulturation zu finden, oder hatten die radikaleren Kräfte Recht, die das Zerbrechen des Eigenwillens und der individuellen Persönlichkeit zugunsten der Verfügungsgewalt der Oberen als essentiell mit der jesuitischen Spiritualität verknüpft betrachteten? Gerne würde man - so auch die Tendenz von Schatz - in Anbetracht der großen Leistungen, die der Orden vollbracht hat, zur ersteren Antwort neigen; ob dieser Spagat aber gelingen wird, kann nur die Zukunft zeigen.

Prof. Dr. theol. Klaus Unterburger, Lehrstuhl für Historische Theologie / Mittlere und Neuere Kirchengeschichte, Katholisch Theologische Fakultät, Universität Regensburg

Anmerkung:
[1] Bernhard Duhr, Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge. I-IV/2, Freiburg i. Br. (ab Band III München) 1907-1928.

Zitation Klaus Unterburger: Rezension zu: Schatz, Klaus: Geschichte der deutschen Jesuiten. Bd. 1: 1814-1872. Münster 2013 / Schatz, Klaus: Geschichte der deutschen Jesuiten. Bd. 2: 1872-1917. Münster 2013 / Schatz, Klaus: Geschichte der deutschen Jesuiten. Bd. 3: 1917-1945. Münster 2013 / Schatz, Klaus: Geschichte der deutschen Jesuiten. Bd. 4: 1945-1983. Münster 2013 / Schatz, Klaus: Geschichte der deutschen Jesuiten. Bd. 5: Quellen, Glossar, Biogramme, Gesamtregister. Münster 2013, in: H-Soz-Kult, 22.05.2015, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21884>.

letzte Aktualisierung am 02.10.2017