Jesuitica e.V.

Tagung "Jesuiten am Oberhein" im Mannheimer Schloss, 11.-13. März 2016

Das Mannheimer Schloß, Ehrenhof des Corps de logis (Foto: Wilhelm Remes)

Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein e.V., des Vereins Jesuitica e.V., des Mannheimer Altertumsvereins, des Stadtarchivs Mannheim sowie der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Tagungsbericht: Veronika Lukas und Claudia Wiener

Michael Hörrmann, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, begrüßte als Hausherr die mehr als 100 Tagungsteilnehmer im Gartensaal des Mannheimer Schlosses. Er betonte, dass ihm die Unterstützung des Tagungsprojektes ein Anliegen sei - schließlich sei es nicht möglich, ein Bewusstsein für den Reichtum des historischen Erbes zu erhalten und dieses den Besuchern zu vermitteln, ohne die historische Forschung und ihre Ergebnisse zu berücksichtigen.

Der verdienstvolle Organisator, Prof. Dr. Konrad Krimm (Karlsruhe), eröffnete das Programm und übergab Dr. Wilburgis Klaiber (Freiburg) die Moderation der beiden Einführungsvorträge, die aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu reflektiertem und differenziertem Umgang mit den Tagungsthema "Jesuiten am Oberrhein" aufriefen. Der Mitorganisatorin Dr. Susanne Lang (Darmstadt) war es ein Anliegen, die semantische Weite des Begriffs "Oberrhein" für die Methodik der interdisziplinären Erschließung bewusst zu machen, zumal die Landschaft des "Oberrheins" vor 1773 teils zur Oberrheinischen, teils zur Oberdeutschen Provinz gehörte und damit in der Ordensgeographie wesentlich mehr umfasste als nur das obere Rheintal. Deshalb müssten die säkularen Herrschaftsverhältnisse verstärkt in den Blick rücken, um einen "Kulturraum" zu definieren. Dr. Julius Oswald SJ (München) rief zwei zentrale Aspekte, die für die jesuitischen Stukturen des alten Ordens spezifisch waren, in Erinnerung: den historischen Prozess der hierarchischen Organisation der Societas Jesu und deren territoriale Ausdifferenzierung. Dabei wurde deutlich, wie die Eigenständigkeit des Ordens ihn trotz strenger Strukturen grundsätzlich flexibel und besonders geeignet für die Zusammenarbeit mit verschiedenen weltlichen Regierungen machte.

Unter der Moderation von Niccolo Steiner SJ (Frankfurt) veranschaulichten Referenten aus historischer Perspektive die großen Unterschiede in der politischen Zusammenarbeit und Dynamik in jeweils verschieden verfassten Territorien. Prof. Dr. Claude Muller (Straßburg) zeigte an der Ordensentwicklung im Elsaß von der Gründung der ersten Kollegien bis ins 20. Jh., wie bestimmend sich nach 1648 die Politik des französischen Königs auswirkte. Die Rekatholisierung führte unter Ludwig XIV. zu einer Unterstützung des Ordens durch die französische Regierung, allerdings mit der zunehmenden Tendenz, französische Ordensmitglieder einzusetzen. Gegen das Verbot des Ordens im 18. Jh. gab es spürbaren regionalen Widerstand, u.a. im Elsass, gegen die zentralistischen Dekrete. Hans Heid (Rastatt), langjähriger Betreuer der historischen Bibliothek im dortigen Ludwig-Wilhelm-Gymnasium, erläuterte mit der Markgrafschaft Baden-Baden eine für den deutschen Raum typische Situation. Die Gesellschaft Jesu führte hier, vom Landesherrn unterstützt, die gegenreformatorischen Ziele auf unterschiedlichen Ebenen durch: von der Seelsorge und Volksmission bis zur schulischen Bildung. In allen Bereichen war der enge Kontakt zur markgräflichen Familie evident: Die Prinzen wurden bei den Jesuiten erzogen, diese beeinflussten darüber hinaus als Beichtväter oder Prediger Spiritualität und Moralbildung der Fürsten und der Bevölkerung.

Jesuitenkirche Mannheim

In dieser Tradition steht auch die Festschrift Basilica Carolina zur Einweihung der Mannheimer Jesuitenkirche (1760), die Prof. Dr. Hermann Wiegand, Vorsitzender des Mannheimer Altertumsvereins, im Abendvortrag vorstellte. Als Panegyricus und Fürstenspiegel konzipiert, bestätigt die Festschrift die Aufgabe der Landesherren als Schützer des Landes und des Glaubens durch vielfältige typologische Bezüge, sei es in ihrer Rolle als Kirchenstifter in der Nachfolge von Salomon und David oder als direkte Nachfahren Karls des Großen im Verteidigungskampf für den christlichen Glauben. Die (ungenannten) Mannheimer Autoren griffen offenbar auf ein frühes Beispiel der literarischen Gattung der Descriptio templi zurück, dessen politisches Programm sie zwei Jahrhunderte später bestätigen: die Festschrift der Münchner Jesuiten von 1597 zur Einweihung der Michaelskirche; dort ist das enge Verhältnis des Ordens zu den Landesherren als den Tutelares Boiariae festgeschrieben, die noch heute als Statuen, u.a. von Herzog Wilhelm V., an der Kirchenfassade verkörpert werden.

Kontrastiv analysierte Dr. Daniela Blum (Tübingen) die spannungsreiche Situation der Multikonfessionalität in einer freien Reichsstadt zu Beginn des konfessionellen Zeitalters am Exemplum Speyer im Jahr 1566. Das Ergebnis ihrer Quellenauswertung war umso faszinierender, als die Polemik nicht nur (wie zu erwarten) von den konfessionellen Gegnern ausging, sondern auch das Domkapitel unentschieden und letztlich abwehrend agierte; es wollte die Jesuiten zwar als seelsorgerische Hilfe in Anspruch nehmen, war aber - erschrocken über die weitreichende Ausstrahlungskraft und Wirkung - bemüht, die Ordenstätigkeit lokal zu beschränken.

Innenansicht der ehem. Jesuitenkirche Molsheim (Foto: Chr. Hamm)

Die Beiträge des zweiten Tags unter der Moderation von Prof. Dr. Wolfgang Zimmermann (Karlsruhe) widmeten sich dem Einzug der Jesuiten in die einzelnen Orte und deren architektonischer Überformung: Kirchen und Kollegien wurden Ausdruck für die Zusammenarbeit von Orden und Landesherrn. Die von Dr. Louis Schlaefli (Straßburg) vorgestellte Kirche in Molsheim zeigt sowohl das Aufgreifen ordenseigener Formen (durch die Berufung des Baumeisters von Mariä Himmelfahrt in Köln, Christoph Wamser) als auch die Einbeziehung regionaler Traditionen (Übernahme älterer Grabmäler). Für den teils gotisierenden, teils Renaissance-Formen aufweisenden Kirchenbau von Molsheim wurde in der Diskussion eine rheinische Traditionslinie aufgezeigt und lebhaft diskutiert; zugleich wurde sichtbar, wie die Landesherren auch hier als Schützer des Glaubens ins Bildprogramm einbezogen wurden: Der hl. Leopold, Vorfahr und Glaubensvorbild des Landesherrn Erzherzog Leopold, flankiert in Molsheim das Altarretabel.

PD Dr. Ute Engel (München) machte überzeugend den Versuch, aus literarischen und bildlichen Quellen die zerstörte Mainzer Jesuitenkirche zu rekonstruieren. Der Balthasar Neumann zuzuschreibende Bau beanspruchte mit seiner Architektur und dem aufwändig gestalteten Bildprogramm alle Sinne der Gläubigen, die anagogisch zum Lumen Christi geführt werden sollten.

Einen Aspekt des Bildungssystems der Jesuiten und seiner Vermittlung sprach Prof. Dr. Sibylle Appuhn-Radtke (München) mit einem graphischen Typ jesuitischer Bildmedien an: Die plakatartigen Thesenblätter für feierliche Disputationen, vor allem von Absolventen des Philosophiestudiums, sollten mit anspruchsvollen Bildprogrammen die Qualität jesuitischer Ausbildung in die Öffentlichkeit tragen. Neben der lebendigen Darstellung der (überwiegend Augsburger) Produkte und deren Verbreitung zeigte die Referentin an Beispielen, dass eine Ausbildung in jesuitischen Einrichtungen oft den Beginn einer beruflichen Laufbahn an Fürstenhöfen oder im Klerus bedeutete.

Zwei Nachwuchswissenschaftler eröffneten zum Abschluss Perspektiven in die Zukunft, indem sie ihre Dissertationsprojekte vorstellten. Gemeinsam ist beiden Ansätzen, dass sie auf dem Gebiet der Bildungsgeschichte neue Möglichkeiten erschließen wollen, um mit Hilfe von prosopographischen und statistischen Erfassungs- und Auswertungsmöglichkeiten zu abgesicherten sozial- und wissenschaftsgeschichtlichen Aussagen zu gelangen. Dagmar Mrozik (Wuppertal) arbeitet unter dem Titel "Jesuit Science Network" an einer digitalen Prosopographie aller Jesuiten, die sich zwischen 1494 und 1884 mit naturwissenschaftlichen Studien befasst haben, basierend hauptsächlich auf der Bibliographie von Sommervogel. Erfasst werden nicht nur Daten zu Leben und Werk, sondern auch etwa zu Lehrer-Schüler-Verhältnissen und brieflicher Korrespondenz, so dass am Ende des Projektes Netzwerke sichtbar werden dürften. Patrick Schiele (Tübingen) beleuchtet die Geschichte der bischöflichen Universität in Straßburg, indem er vor allem (mit Unterstützung von Louis Schlaefli) deren Matrikel auswertet. Die Universität war 1701 durch Ludwig XIV. von Molsheim nach Straßburg verlegt worden, gewissermaßen als Gegengewicht zur städtischen, protestantischen Universität, in deren unmittelbarer Nachbarschaft sie angesiedelt wurde. Bewusst ersetzte Ludwig das Personal durch französische Jesuiten; erst ab etwa 1725 finden sich zunehmend auch Elsässer unter den Professoren. Ungefähr ein Drittel der Studenten stammte aus Frankreich. Dennoch erstreckte sich das Einzugsgebiet der Universität auch weit in den rechtsrheinischen Bereich; für die Diözesen Speyer und Trier war sie der bevorzugte Ausbildungsort für den Priesternachwuchs.

Innenansicht der ehem. Jesuitenkirche Heidelberg (Foto: Wilhelm Remes)

Der Sonntag brachte mit einer Exkursion nach Heidelberg und zurück nach Mannheim schließlich unmittelbare Eindrücke von jesuitischen Bauten, die unterschiedlich stark zerstört waren, aber nun restauriert bzw. rekonstruiert sind. Während die Heidelberger Kirche und das Kolleg nach der Säkularisation zweckentfremdet wurden, fiel die Mannheimer Kirche dem Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zum Opfer. An beiden Orten wurden wir mit unterschiedlichen Methoden konfrontiert, mit den Wunden der Vergangenheit umzugehen.

In Heidelberg erläuterte der Architekt Dr. Werner Wolf-Holzäpfel (Erzbischöfliches Bauamt Heidelberg) die 2001-2004 restaurierte spätbarocke Jesuitenkirche Heilig Geist und stellte das kontrovers diskutierte Programm der Restaurierung vor. Der bis auf die farbige Kapitellzone weiß getünchte Innenraum mit weitgehend moderner Innenausstattung, den der Architekt als "Skulptur" begreift, entfaltet zweifellos eine starke Wirkung, ist aber sicher weit von dem Eindruck entfernt, den das Gebäude zu seiner Entstehungszeit erweckte. Das Äußere von Kirche und Kolleg zeigte uns anschließend der ehemalige Denkmalpfleger Dr. Hermann Diruf (Karlsruhe), der besonders auf die städtebaulichen Aspekte einging. Anschaulich wurde dabei, dass die Societas Jesu ursprünglich ein eigenes Quartier prägte, deren Bauten überwiegend noch vorhanden, wenn auch anders genutzt sind.

Zurück in Mannheim, führte Eva Maria Günther M. A. vom Reiss-Engelhorn-Museum (Mannheim) durch die 1760 geweihte Kirche der hll. Ignatius und Franz Xaver, eine 2003 abgeschlossene Rekonstruktion des im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten Bauwerks. Selbst der gewaltige Hochaltar wurde strukturell identisch, jedoch mit verfremdetem Figurenschmuck, wieder aufgebaut. Auch wenn die Deckenmalerei nicht wiederherstellbar war, bietet der Kirchenraum einen gewissen Eindruck von seiner einstigen Pracht.

letzte Aktualisierung am 22.03.2017