Jesuitica e.V.

Jahrestagung 2015 in Paderborn

"Jesuitenuniversitäten als Medienzentren"

Interdisziplinäre wissenschaftliche Tagung der Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität Paderborn, organisiert von Prof. Dr. Johannes Süßmann, zugleich Jahrestagung des Jesuitica e.V. und in Paderborn, 13.-15. März 2015, im Tagungshaus Liborianum, Paderborn.

Tagungsbericht: Mag. Wilhelm Remes, Linz (Oberösterreich)

Der Verein Jesuitica e.V. tagte erstmals in Paderborn, einem der nördlichsten "Bollwerke" des katholischen Deutschland. Dem Berichterstatter aus Österreich war die historische Bedeutung Paderborns und seine Rolle als Standort einer Kaiserpfalz zwar bekannt, die Fülle der hier vorhandenen kirchlichen Baudenkmäler überraschte ihn jedoch.

Der Organisator Prof. Dr. Johannes Süßmann.

Die Mitglieder des Jesuitica e.V. waren Gäste einer bestens organisierten Tagung, die Prof. Dr. Johannes Süßmann und seiner wissenschaftliche Mitarbeiterin Carolin Pecho M.A. zu verdanken war. Grußworte des Universitätspräsidenten Prof. Dr. Wilhelm Schäfer und des Rektors der Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Josef Meyer zu Schlochtern, eröffneten die Tagung; dieser skizzierte einleitend das Wirken der Jesuiten in Paderborn: 1580 holte Domprobst Dietrich von Fürstenberg zwei Jesuiten als Prediger auf der Domkanzel in die Stadt; 1585 überließ der nun neu gewählte Fürstbischof dem Orden die Domschule; 1614 stiftete er eine neue Universität unter Führung der Jesuiten, die nach ihm den Namen Academia Theodoriana erhielt - die älteste Hochschule Westfalens. Deren 400-jähriges Jubiläum war verständlicherweise der Universitätsgeschichte gewidmet. Der Vorschlag von Prof. Dr. Johannes Meier (Johannes Gutenberg-Universität Mainz), darüber hinaus eine Tagung mit dem Verein Jesuitica e.V. zu veranstalten, wurde nun verwirklicht: Ihr Programm folgte einem weiter gefassten Ansatz, der die Rolle der Jesuitenuniversitäten als Medienzentren bzw. ihre Breitenwirkung in der ansässigen Bevölkerung beleuchtete. Einbezogen wurden verschiedene Kommunikationsformen wie Prozessionen, Theater, Gebets- und Gesangspraktiken und die Erteilung der Geistlichen Übungen, um deren mögliche Modellbildung zur Diskussion zu stellen (Süßmann).

Sektion I. Kirchenbau

Dr. Meinrad von Engelberg (TU Darmstadt) widmete sich in seinem Beitrag "Modo NOSTRO? Jesuitenarchitektur als Medium" der viel diskutierten Frage, ob man einen gemeinsamen "Jesuitenstil" im deutschsprachigen Raum erkennen könne. Die von ihm ausgewählten Beispiele der Jesuitenkirchen in Paderborn, München, Bamberg, Neuburg an der Donau und Linz zeigten die breite Varianz an Fassadenlösungen. So verarbeiteten die Jesuitenkirchen in Köln und Paderborn jeweils gotische Motive, hingegen in unterschiedlicher Weise und mit unterschiedlicher Wirkung. Die Fassade von St. Michael in München erinnert andererseits in vielen Merkmalen an Profanbauten, wie ein Vergleich mit dem Augsburger Zeughaus zeigte. Linz mit der in der engen Domgasse situierten Jesuitenkirche ist ein gutes Beispiel dafür, dass oft Rücksicht auf die städtebauliche Situation genommen werden musste - dies legte in Linz den Bautypus einer Doppelturmfassade nahe.

Prof. Dr. Christoph Stiegemann (Diözesanmuseum Paderborn) erläuterte die bildmedialen Strategien in der jesuitischen Kirchenausstattung des Barock anhand des Fürstenberg-Grabmals im Dom von Paderborn, das seinen Betrachter lehren und bewegen sollte (docere et movere); das von Figuren und Inschriften überbordende Monument wurde von dem Bildhauer Heinrich Gröninger geschaffen, der als Mitglied der Marianischen Sodalität den Jesuiten seit seiner Jugend eng verbunden war.

Zusammen mit seiner Mitarbeiterin Karin Wermert M.A. führte Stiegemann durch die Ausstellung "Zur Ehre der Altäre. Jesuitenschätze aus den Beständen des Diözesanmuseum Paderborn". Hervorzuheben sind die zahlreichen historischen Ansichten des Jesuitenkollegs Paderborn und liturgische Schätze mit den effektvoll präsentierten Kaseln aus der Jesuitenkirche in Büren, die man jüngst durch Ankauf und Restaurierung vor der Vernichtung bewahrt hat. Beeindruckend war auch die 72-feldrige Tafel mit Porträts von Jesuitenmärtyrern, die aus dem Paderborner Jesuitenkolleg stammt.

Sektion II: Frömmigkeitspraktiken

Carolin Pecho M.A. informierte anhand von Stadtansichten und Karten über die sog. Roms-Wallfahrt in Paderborn. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Roms-Kapelle außerhalb der Stadtmauern beherbergte eine Marienskulptur, die ob ihrer zahlreichen Heilungswunder, u.a. der Genesung des späteren Universalgelehrten Athanasius Kircher, Ziel von Prozessionen war. Das Gnadenbild befindet sich heute am rechten Seitenaltar der Jesuitenkirche. Anhand des Atlas Marianus von Wilhelm Gumppenberg SJ wurde die europaweite Dimension der Marienverehrung im Barock deutlich, die freilich nicht allein auf die Societas Jesu beschränkt war.

Dr. Damien Tricoire (Halle) befasste sich mit der Bürgerkongregation Maria de Victoria in Ingolstadt, deren gleichnamiger Bruderschaftssaal eines der prächtigsten Beispiele seiner Art in Europa darstellt. Er ging ferner auf die Ikonographie der Lepantomonstranz ein, die von der Bürgersodalität zur Zeit der österreichischen Besatzung Bayerns finanziert wurde und an den Sieg der christlichen Flotte über die Türken bei Lepanto erinnern sollte; zentral postiert im Oratorium war sie Teil eines Theatrum der Seeschlacht von Lepanto.

Das ehem. Jesuitenkolleg mit dem Denkmal des Friedrich von Spee.

Sektion III: Theater - Musik - Lied

Prof. Dr. Franz Körndle (Universität Augsburg) stellte anhand des Dialogus musicus von Martinus Thomaeus, Fulda 1583, die damalige Kontroverse in der Kirchenmusik dar: Polyphonie versus Figuralmusik bzw. Einstimmigem Kirchengesang, d. h. Gregorianischem Choral. In dem musikalischen Wettstreit treten sechs Nachtigallen (Polyphonie) gegen sechs Kuckucke an; der Esel als Richter entscheidet für die einstimmigen Kuckucke; wird aber seiner Unwissenheit überführt, und Erstgenannte tragen den Sieg davon.

Die von dem Herausgeber Meyer zu Schlochtern vorgenommene Buchvorstellung 400 Jahre Academia Theodoriana gab weitere Informationen zur Geschichte der Universität Paderborn, verbunden mit einer Darstellung der schwierigen Phase nach der Aufhebung der Gesellschaft Jesu (1773) und der Entwicklung als Lehranstalt vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Der öffentliche Abendvortrag von Prof. Dr. Lothar van Laak (Paderborn) über "Boten des Glaubens. Lieder als Medienkunstwerke bei Friedrich von Spee" galt dem literarisch-poetischen Talent Friedrich Spees, der von 1623 bis 1626 als Dozent an der Universität Paderborn lehrte. Anhand von Beispielen aus dem Güldenen Tagebuch und Trutznachtigall erschloss van Laak deren poetische Wirkung und ihre Funktion als "Medienarrangements".

Prof. Dr. Josef Meyer zu Schlochtern

Sektion IV: Buchkultur

BDir Reinhard Feldmann (Universitäts- und Landesbibliothek Münster) stellte anhand von Fallbeispielen aus "Theologie - Pharmazie - Schauspiel" Facetten der Jesuitenbibliothek Münster (1588-1773) vor. Ein Dictum des hl. Petrus Canisius, ein Kolleg ohne Kirche sei ihm lieber als ein Kolleg ohne Bibliothek, betonte den Wert dieser Einrichtungen. In Ermangelung des historischen Bibliothekskataloges in Münster zog Feldmann den Katalog des Jahres 1725 aus Köln heran, der die Strukturierung der Fachliteratur aufzeigte - man versuchte offenbar, einen an allen Jesuitenuniversitäten und -kollegien uniformen Grundbestand zu schaffen, damit die nicht ortsfesten Patres überall die gleichen Bestände nutzen konnten. Solch eine uniforme Ausstattung war auch an den Jesuitenapotheken zu finden, die dank ihrer Vernetzung mit anderen Kontinenten neue heilbringende Medikamente in Verkehr brachten.

Prof. Dr. Hermann-Josef Schmalor (Paderborn) widmete sich der Genese der Jesuiten­bibliothek in Paderborn, aus deren ursprünglichen Bestand sich rund 6000 Bände erhalten haben. Er gab Einblick in den Aufbau der Bibliothek, der zum Teil durch Ankauf von aktuell vor Ort tätigen Verlegern wie Matthäus Pontanus oder durch Stiftungen bzw. Schenkungen wie jene des Paderborner Dombenefiziaten Sebastian Schulte erfolgte. Die Säkularisation der umliegenden Klöster brachte nach 1803 eine enorme Erweiterung der Paderborner Buchbestände.

Dr. Maria Kohle (Dortmund) führte in das Paderborner Gesangbuch von 1609 mit 137 Liedern ein, das als ältestes erhaltenes Gesangbuch Westfalens gilt. Es war Ausdruck der Kirchenpolitik und der religiösen Entwicklung im Hochstift Paderborn; an Umgestaltungen in den zahlreichen Neuauflagen lassen sich neue Schwerpunkte erkennen. Viele Gesänge waren jesuitisch geprägt, so die Lieder zur Marienverehrung und die zahlreichen Prozessionslieder. Das Gesangbuch von 1682 enthielt unter den 211 Nummern 50 Lieder aus der Feder Friedrich Spees. Die Auflagenhöhe orientierte sich an der Zahl der Lesekundigen; ihr Anteil lag im 17. Jahrhundert bei rund 10 % der Bevölkerung.

Javier Francesco Vallejo (Berlin) ging in seinem Beitrag "Die spanisch-amerikanische Jesuitenuniversität als gesellschaftlicher Knotenpunkt" auf die kommunikative Rolle der Hochschule in Cordoba de Tucuman ein, die nach ihrer Gründung 1622 relativ schnell weitreichende Verflechtungen mit neuen sozialen Räumen herstellte und zugleich eine Brücke zwischen atlantischer und pazifischer Welt bildete. Die anfänglichen finanziellen und ethnischen Restriktionen bei der Aufnahme von Studenten konnten in der Folge abgemildert werden, so dass auch ordenseigener Nachwuchs aus der einheimischen Bevölkerung zu rekrutieren war. Der Redner verwies auf Belege aus Datenbanken, die er fortlaufend ausbaut.

Die abschließende Vorstellungsrunde aktueller wissenschaftlichen Projekte eröffnete Prof. Dr. Appuhn-Radtke (Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München) mit der Präsentation von RDK-Labor, dem digitalen Nachfolger des Reallexikons zur Deutschen Kunstgeschichte (www.rdklabor.de). Sie lud im Namen der "Forschungsstelle Realienkunde" zur Beteiligung an dem geplanten Artikel "Jesuiten" ein.

Dr. Franz Sobiech (Dortmund/Würzburg) gab einen Einblick in sein derzeitiges Forschungs­projekt "Friedrich Spee S.J. (1591-1635) - Leben, Werk und Rezeption des Autors der Cautio Criminalis (1631/32) im Netzwerk der Gesellschaft Jesu".

Prof. Dr. Bernd Wiese (Köln) beschäftigt sich mit den Geographica in Jesuitenbibliotheken, die anfänglich im Schatten der anderen wissenschaftlichen Disziplinen standen, jedoch mit opulent ausgestatteten Werken wie dem Novus Atlas Sinensis auffielen. Anfang des 18. Jahrhundert erfuhren die Geographica mit dem Aufkommen einer neuen Lehrbuchgeneration erheblichen Aufschwung.

Bei einer von Rektor Meyer zu Schlochtern (Abb. 3) angebotenen Führung durch das ehem. Jesuitenkolleg, die heutige Theologische Fakultät der Universität Paderborn, und die nach weitgehender Kriegszerstörung rekonstruierte Kirche waren zahlreiche Stifterbildnisse, die Porträtgalerie historischer Jesuiten, die Stiftungs- und Approbationsurkunden der Jahre 1614/15 sowie die originalen (aus dem Archiv der deutschen Jesuiten in München entliehenen) Statuten zu sehen.

Am letzten Tag fand eine halbtägige Exkursion nach Büren statt. Man besichtigte hier die unmittelbar vor Aufhebung der Gesellschaft fertig gestellte Jesuitenkirche und das schlossartige Kolleg (Abb. 4), dessen Errichtung Moritz von Büren bereits 1640 in seinem Testament verfügt hatte.

Prof. Süßmann war es vorbehalten, ein Resümee der Tagung zu ziehen: Sie hat gezeigt, dass zahlreiche Einzelforschungen mit hervorragenden Ergebnissen zu einzelnen Universitäten und Kommunikationsformen bestehen; es ergibt sich so das Potential für ein noch zu erstellendes integratives Gesamtbild der Universitäten als Medienzentren. Im Falle Westfalens ist durch die Universität Paderborn eine enorme Breitenwirkung sowie eine Prägung der Bevölkerung durch den Orden festzustellen, die bis in den deutschen Kulturkampf hineinwirkte. Damit ist das Thema von eminenter historischer Bedeutung.

letzte Aktualisierung am 20.05.2016