Deutsche Provinz der Jesuiten

Pierre Teilhard de Chardin

Pierre Teilhard de Chardin war ein französischer Jesuit, der als Paläontologe dafür arbeitete, Evolution und Glauben zu verstehen. Er wurde am 1. Mai 1881 geboren und starb am Ostersonntag, 10. April 1955. Als geistlicher Wegbereiter seiner Zeit fasste er am Ende seines Lebens die religiöse Weltschau, die er in vielen Aufsätzen dargelegt hatte, noch einmal zusammen: So entstanden 1953 die Autobiographie "Das Herz der Materie" und schließlich 1955 "Das Christische in der Evolution", sein letzter Aufsatz, der bald in deutscher Übersetzung vorgelegt wird.

Aufgewachsen im streng katholischen Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts, war das Innerste seines Glaubens von Kindheit an verbunden mit der Vorstellung vom "Herz Jesu". Dieser so oft verkitschten Frömmigkeit wollte er allerdings ihre kosmische Dimension zurückgeben. Schon 1920 notierte Teilhard im Aufsatz "Über die Weisen des göttlichen Wirkens im Universum", dass Gott es auf eine geistige Weise vermag, "sich individuell im Herzen eines jeden Elements der Welt bemerkbar zu machen". Teilhard geht davon aus, dass alles Geschaffene in dieser Welt nicht nur eine materielle, sondern auch eine geistige Dimension, eine "Innenseite" besitzt. Mit "Herz" meint Teilhard die geistige Dimension der Welt, in der man der Liebe Christi begegnen kann. Weil aber letztlich die lebendige Mitte des Lebens Jesu auch das Ziel des Universums ist, können wir seiner "Energie Liebe", in gewisser Weise sogar "ihm selbst" in allen Dingen begegnen. So wie das Herz den menschlichen Körper mit Blut versorgt und zugleich der "Ort" der Gefühle und Entscheidungen ist, so wirkt Gott in allen Dingen, indem er sie im Sein erhält und auf eine geistige Weise durch Christus zur Vollendung führt. "Ohne dass ich es recht analysiert habe, hat sich für mich im Herzen Jesu die Konjunktion des Göttlichen und des Kosmischen, des Geistes und der Materie vollzogen. Dort ist der gewaltige Zauber, der mich von Anfang an erobert hat."

Herr, da ich heute, ich Dein Priester, weder Brot noch Wein noch Altar habe, will ich meine Hände über das All des Universums breiten und seine Unermesslichkeit zur Materie meines Opfers nehmen. Ist nicht der unendliche Kreis der Dinge die endgültige Hostie, die Du verwandeln willst? Ist nicht der überschäumende Schmelztiegel, darin sich die Tätigkeiten jeder lebendigen und kosmischen Substanz vermengen und sie den, der Schmerzenskelch, den Du zu heiligen wünschst? Es gibt eine Weise, die Welt zu betrachten, die uns in ihr nichts als eine Summe ungleichartiger oder feindlicher Elementesehen lässt. Überall um uns her, so scheint es, unheilbare Trennung und angeborener Widerstreit. Überall das Gemeine ins Kostbare gemischt - der Weizen Seite an Seite mit dem Unkraut. Überall Nutzlosigkeit, Ausschuss, Abraum... Du hast mir die Gabe verliehen, mein Gott, unter dieser Zusammenhanglosigkeit der Oberfläche die lebendige und tiefe Einheit zu fühlen, welche Deine Gnade erbarmungsvoll über unser verzweifeltes Vielerlei geworfen hat. Du hast mir die wesentliche Berufung der Welt enthüllt, sich zu einem Teil, der aus all ihrem Sein ausgewählt ist, in die Fülle Deines fleischgewordenen Wortes zu vollenden.

Pierre Teilhard de Chardin SJ, Frühe Schriften, Freiburg/München 1968, 251-252

letzte Aktualisierung am 23.01.2016