Deutsche Provinz der Jesuiten

Johann Adam Schall von Bell

Adam Schall von Bell SJ im Mandaringewand.

"Meister himmlischen Verstehens"

Das Leben von Johann Adam Schall von Bell liest sich wie das Drehbuch eines Filmes, der alles verblassen lässt, was Hollywood jemals über China zustande gebracht hat.

Am 1. Mai 1592 in einer Kölner Adelsfamilie geboren, fühlte Johann Adam Schall von Bell schon bald nach seinem Eintritt in den Jesuitenorden 1611 die Berufung zum Missionar. Da man ihm sagte, die beste Vorbereitung auf die Missionsarbeit wären naturwissenschaftliche Studien, nahm er in Rom das Studium der Astronomie, insbesondere im Zusammenhang mit dem Kalender, auf. Schon kurz nach seiner Priesterweihe 1618 durfte er die Reise nach China antreten. Zusammen mit anderen Jesuiten-Astronomen kam die Gruppe über Goa nach Macao, um zunächst die Sprache zu erlernen. Erst 1623 erreichte Schall von Bell mit einigen Mitbrüdern Peking.

Dort gewann Pater Adam Schall von Bell, der den chinesischen Namen Tang-Jo-Wang annahm, durch sein Wissen und sein Geschick die Gunst des letzten Ming-Kaisers und wurde - trotz erheblichen Widerständen am Kaiserhof - mit der Reform des chinesischen Kalenders betraut. Schall übersetzte dazu Fachbücher ins Chinesische, gründete eine eigene Schule für mathematische Berechnungen und konstruierte das erste Galileische Fernrohr auf. Anlässlich einer bevorstehenden Sonnenfinsternis zeigte sich, dass die Berechnungen der Jesuiten offensichtlicher exakter waren als die der einheimischen Astronomen und sie von den "Dingen des Himmels" offensichtlich mehr verstanden. Der Reichskalender konnte 1635 publiziert werden, was Pater Schall hohe Auszeichnungen einbrachte. Durch seine Bemühungen gewann das Christentum an Boden in den höchsten Kreisen, sogar in der kaiserlichen Familie. Selbst eine Palastrevolution konnte Pater Schall überstehen. Der neue Mandschu-Kaiser erhob ihn sogar zum Erzieher seines Sohnes und Mandarin erster Klasse - in der ganzen Geschichte des chinesischen Reiches war noch nie einem Ausländer eine so hohe Ehre zuteil worden.

Bei Staatsakten durfte der Jesuit gleich neben dem Kaiser sitzen, der, obwohl er sonst seinen Palast nie verließ, der Jesuitenresidenz immer wieder Besuche abstattete, sich aber selbst nie taufen ließ. In Peking konnte eine stattliche Jesuitenkirche gebaut werden. Pater Schall erhielt den Titel eines "Meisters himmlischer Geheimnisse", wurde "Hohes Ratsmitglied", "Präsident der kaiserlichen Kanzlei" und sogar "Kaiserlicher Kämmerer".

Seine gesundheitliche Einschränkung durch einen Schlaganfall konnten Gegner am Hof 1661 geschickt ausnutzen, um ihn durch falsche Anschuldigungen in Ungnade fallen zu lassen. Bei einem Schauprozess wurde Schall zum Tod verurteilt und sollte bei lebendigem Leibe zerstückelt werden. Kurz vor der Vollstreckung erschütterte ein Erdbeben die Hauptstadt. Die Richter werteten dies als göttlichen Hinweis auf Schalls Unschuld, der aus der Haft entlassen wurde. Kurz darauf starb er im Alter von 74 Jahren am 15. August 1666, nachdem er 47 Jahre in China verbracht hatte. Auf seinem Grabstein auf dem Jesuitenfriedhof in Peking steht: "Du hinterlässt uns deinen unvergänglichen Ruhm und die Ehre deines Namens!"

Stichwort: Christliche China-Mission

Die christliche China-Mission der frühen Neuzeit begann im ausgehenden 16. Jahrhundert und dauerte rund 200 Jahre. Sie hatte beträchtliche Auswirkungen auf den kulturellen Austausch zwischen China und Europa - auch wenn dem eigentlichen Ziel, die Verbreitung des Christentums, nur mäßiger Erfolg beschieden war. Mit rund 450 Ordensleuten stellten die Jesuiten im fraglichen Zeitraum die Mehrheit der Missionare. Ihre Tätigkeit orientierte sich an der sogenannten Akkomodationsmethode. Sie sah vor, die Spitzen der Gesellschaft auf indirektem Weg mit Hilfe von Kunst, Wissenschaft und Technik für den christlichen Glauben zu gewinnen.

Wie weit die Missionare der chinesischen Kultur entgegenkommen durften, war immer wieder Gegenstand heftiger Debatten. Ein Beispiel ist der "Ritenstreit", bei dem es unter anderem darum ging, ob den chinesischen Neuchristen die Verehrung von Konfuzius gestattet werden könne. Einer der bedeutendsten Vertreter der frühneuzeitlichen China-Mission war der aus dem Rheinland stammende Jesuit Johann Adam Schall von Bell (1592-1666). Als erster Europäer wurde er Direktor des Astronomischen Amtes in Peking und führte eine Kalenderreform durch, die bis 1912 in China gültig blieb.

Die Mission in China stieß in Europa auf großes Interesse. Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) korrespondierte mit den Jesuiten; Bücher über das Thema sprachen ein großes Publikum an. An deutschen Fürstenhöfen wurde der chinesische Stil (Chinoiserie) zur Mode. Heute leben in China nach unbestätigten Schätzungen 19 Millionen Christen. Die katholische Kirche samt ihrer Hierarchie etablierte sich in China erst im 20. Jahrhundert.

(KNA)

letzte Aktualisierung am 14.08.2016