Deutsche Provinz der Jesuiten

Experiment im Karwanhaus (Wien)

Ein wenig unsicher und mit verschiedenen Fragen im Kopf bin ich im Karwanhaus angekommen. Wird es mir gelingen, mich auf fremde Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit ganz verschiedenen Sprachen einzulassen? Wie werde ich aufgenommen werden? Andererseits war ich auch von freudiger Erwartung erfüllt, neue Erfahrungen sammeln zu können in einem Bereich, den ich bisher noch nicht kennengelernt hatte. Das Karwanhaus ist eine Unterkunft der Caritas für etwa 180 Asylwerber, die auf die Bewilligung ihres Asylantrags warten.
Meine ersten Unsicherheiten legten sich dabei ziemlich schnell, denn ich spürte, dass ich von Anfang an wohlwollend aufgenommen wurde. Im Laufe der nächsten Wochen lernte ich nach und nach die meisten „Klienten“ kennen. Zu einigen von ihnen ergaben sich intensivere Kontakte, zu einzelnen erwuchsen freundschaftliche Beziehungen, so dass mir der Abschied am Schluss nicht leicht fiel.
Was meine Aufgabenfelder betraf, so machte ich das, was gerade anfiel, ob das Telefondienst im Aufnahmebüro war oder Klienten zum Arzt begleiten oder Rezepte für die Kranken besorgen. Bei den Gängen zu verschieden Ärzten oder auf die Gebietskrankenkasse ergaben sich interessante Begegnungen und zwischendurch auch unerwartete Vorfälle. Für ein paar Männer habe ich einen Deutschkurs angeboten, und umgekehrt hat ein Nigerianer versucht mir Englisch beizubringen.
Ob ich eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen hatte oder zwischendurch mit jemandem ins Gespräch kam, ging es mir v.a. darum, den Menschen zuzuhören, mitzufühlen, ihnen zu vermitteln, dass sie Würde haben und genauso Achtung und Respekt verdienen wie alle anderen.
Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich nicht in erster Linie Gebender bin, sondern Empfangender. Durch das offene Zugehen auf die „Klienten“ im Karwanhaus habe ich viel von ihrer Kultur und ihren verschiedenen Anschauungen gelernt. Besonders berührend waren für mich die Erzählungen einiger Hausbewohner und die Gottesdienste, die wir mit den Kranken gefeiert haben. An der Situation der Klienten konnte ich aber kaum bis gar nichts ändern, und dies ließ mich meine Ohnmacht, meine Hilflosigkeit, meine Grenzen spüren.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich durch das „Experiment“ im Karwanhaus sensibler geworden bin für die Nöte, Ängste und Sorgen von Menschen, die aus irgendeinem Grund ihre Heimat verlassen haben und nun auf der Suche sind nach einer neuen Heimat. Dieses Praktikum hat mich zu dem hingeführt, was ich als einen wesentlichen Auftrag der Kirche und der Gesellschaft Jesu erkenne, nämlich sich einzusetzen für Arme und Schwache.

letzte Aktualisierung am 27.08.2015